Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-09-17
„Musikalische Früchte der Reformation“ als Motto des 20. Schorndorfer Orgelseptembers / KMD Helmut Brand als Gast 

Schorndorf. „Die Wittenbergische Nachtigall“ war der Beiname, den der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs Martin Luther gab. „Und Luther war nicht nur ein guter Sänger und Lautenspieler, er war auch Komponist und Dichter“, erklärte Kirchenmusikdirektorin Hannelore Hinderer, die den Orgelseptember diesmal unter das Motto „Musikalische Früchte der Reformation“ gestellt hat.
 
Wobei Luther und die Reformation in der Konzertreihe hier in einem weit gefassten Sinn als Inspiration für musikalische Werke auch späterer Komponisten, ja bis in die Gegenwart hinein, vorgestellt werden.
 
So wurde denn das erste Konzert der Reihe von Kirchenmusikdirektor Helmut Brand aus Tuttlingen bestritten. Mit zwei Orgelbearbeitungen des Italieners Ottorino Respighi (1879-1936) von Tänzen aus der Renaissance gab er der Welt-zugetanen Fröhlichkeit des Protestantismus Ausdruck. Da war das „Balletto“ ein so feierliches wie von geradezu raumumfassender Heiterkeit getragenes kleines Stück. Während die „Gagliarda“ druckvoll stürmend begann, um sich dann in tänzerischer Anmut einem melodienschön begleiteten Dreivierteltakt hinzugeben, der wiederum von einer Ostinatofigur in einer wohlig mittleren Lage gehalten wurde.
 
Ein dünnes Orgel-Pfeifen-Intro wie in seelischer Atemnot
 
Vom 1959 geborenen Organisten selbst stammten dann die „Improvisationen zu drei Liedern Martin Luthers“. Das begann mit „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“, das, wie in seelische Atemnot geraten, mit einem luftig-dünnen Pfeifen-Intro begann. Ergreifend dann auch in der zeitgenössischen Improvisation eines der großartigsten Lieder Luthers, das „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Mit wenigen dunklen Tönen lässt Brand hier Not-Signale aus der Tiefe erklingen und webt ein am Boden liegendes Tongespinst von unendlicher Müdigkeit und Schwere. Humpelnde musikalische Stotter- und Stör-Figuren lassen assoziieren, dass da etwas aus dem Tritt gefallen ist und wieder sicheren (Glaubens-)Boden sucht. Allmählich beginnen die Töne der Orgel dann, sich emporzuwinden wie ein andächtig bittendes Anstoßen ans obere Gewölbe der Klangfarben, dem Trost und Himmel zu. Abrupt dann der Wechsel zur kristallklar glitzernden, wiedergewonnenen Glaubensmächtigkeit in „Nun freut euch, liebe Christen g’mein“. Eigenartig, wie diese Konzerte in der Kirche einem in solchen Momenten immer wieder wie hochgespannte Seelenausfahrten mit Orgelbegleitung vorkommen.
 
Erst recht galt das für die große „Reformationssinfonie“ (Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107) von Felix Mendelssohn Bartholdy, ebenfalls von Brand für die Orgel bearbeitet. Man kann diese Sinfonie als ein vielstimmiges Reformationsdrama hören, das mit seinem langsam aufdämmernden Beginn sozusagen den Theatervorhang für eines der besonderen Menschheitsmomente in nachträglich romantischer Einfärbung öffnet. Da wechseln Fanfarenstöße mit Momenten der Stille, da werden Phasen trotziger Turbulenzen wieder von großen, inneren Ruhestößen gefestigt: Ein Clash zwischen Welt-Streit und Innerlichkeits-Frieden. Dann wieder ein der musikalischen Bewegung drunter gelegter romantischer Geistwirbel, der schließlich in einem in Töne gesetzten gotischen Lichtaufstieg zu einem Ende kommt.
 
Fast biedermeierlich der zweite Satz, in dem Mendelssohn so etwas wie die vergnügte Häuslichkeit der Reformatoren zu vertonen scheint. In mittleren Lagen, sozusagen nah am Herzen, deutet ein sehr langsamer Dreivierteltakt den leicht genüßlichen Übermut der Protestanten an. Mit dem Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott endete diese Sinfonie und ein zeitenumspannendes, tiefgehendes Konzert.

© Schorndorfer Nachrichten

 

 pressearchiv icon

  © Kirchbauverein Stadtkirche Schorndorf e.V.         |               Impressum