Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-09-24
18 000 Euro von der Bühler-Stiftung / Hannelore Hinderers Konzert im Zeichen Luthers mit Stücken von Bach bis Bornefeld

Schorndorf. Der zweite Abend des Orgelseptembers wurde mit einem feinnervigen Konzert von KMD Hannelore Hinderer bestritten. Skandiert wurde das Programm von Bach bis Bornefeld von Lutherliedern. Und nach der Aufführung gab es einen willkommenen Scheck zur anstehenden Orgelsanierung.
 
Mit der Toccata in d (Dorische Toccato) von Bach bekam das Konzert in der Stadtkirche einen drängend mächtigen Auftakt, und die unbedingte Erhabenheit dieser Bach’schen Gotteslob-Musik war auch in seinem Choralvorspiel nach Luthers „Wir glauben all an einen Gott“ zu hören. Dieser klangvoll gezähmten Vielläufigkeit der Stimmen bei Bach folgt dann mit Mozarts Adagio c-Moll, gerade mal eine Generation nach Bachs Tod, eine klangzauberische Luftigkeit, die nicht mehr den Himmel stürmt, sondern elegisch nach dem Verlorenen zu fragen scheint. Da sind „angequetschte“ Tonfolgen zu hören, die, bei allem mozartschen Ernst, ein skeptisches Fragezeichen an Bachs beeindruckendem (musikalischen) Glaubensvolumen anbringen.
 
Mozarts Transport von Luther in die „Zauberflöte“
 
Hochinteressant, dass die Kirchenmusikdirektorin hierauf Luthers „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ (in einer Bearbeitung für Orgel von H. Bornefeld) folgen ließ. Da sind unbeirrt fortschreitende Bassfiguren zu hören, die aus dem Schicksalsgang so etwas wie einen endlosen Marsch machen. Mozart hat genau dieses Motiv dann in seinen unheimlich mitreißenden „Chor der Geharnischten“ in der Zauberflöte übernommen und dort durch martialische Aufladung auch ironisch umgedeutet.
 
Anders wieder Felix Mendelssohn Bartholdy, der in seiner Sonate III, A-Dur, Luthers „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ zitiert und daraus einen uns noch nahen, romantisch modernen Gefühlsgotizismus türmt, der schon starke ästhetizistische, Angst und Schrecken genießende Momente anklingen lässt. Hier wird intelligent Hannelore Hinderers Programm der Reihe, nämlich „Musikalische Früchte der Reformation“, eingelöst, die sich auch als historische Transformationen und, im Falle Mendelssohns, als schon anklingende „Früchte des Bösen“ im Sinne seines Zeitgenossen Baudelaires diskutieren ließen. Musik wird hier zur sinnlichen Schule historischer Umbrüche.
 
Und die kommen mit musikalischer Gewalt über den Hörer in Max Regers (1873-1916) Phantasie über den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Da hat man den Eindruck, der Himmel müsse mit scharfen Orgelkaskaden zur Not durchschossen werden. Da springen zarte Passagen abrupt in patriarchalischen Donner um, die „feste Burg“ erscheint bei Reger furchteinflößend zinnenbewehrt - der Glaube ist in Gefahr, in eine dröhnende Behauptung umzuschlagen - oder in Verzweiflung.
 
Derlei Töne sind Helmut Bornefeld in seiner Partita I von 1937/49 über „Wir glauben all an einen Gott“ zwar sicher nicht historisch fremd, sie finden aber keinen Platz in seinen ungeheuer klangfiligranen Kompositionen. Da herrscht in der Toccata eine richtungslose Aufgewühltheit, die Töne scheinen zu splittern und ein magnetisches Zentrum zu suchen. In der Fantasia dann findet eine Entlastung durch wie schwerelose Tongirlanden statt, bis schließlich ein zuerst schmales, hohes Pfeifensirren über anmutig ehrliche, weil splittrige Klangfarben einen Tonraum von neuer Weite und Tiefe schaffen.
 
Fast schon Serielles meint man in der Fuge zu hören. Hier klingen Töne an wie das Aneinanderreiben von Knochen, denen das Fleisch abhandengekommen ist. Und doch scheint da ein gerade noch tragender, schwer erkämpfter Untergrund (des Glaubens?) erahnbar.

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