Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-06-13
Architekt Bernd Treide über seine Moral als Architekt und das Großprojekt „Stadtkirche Schorndorf“

 




Schorndorf. In seinem Büro stapelt sich die Geschichte. In Form von Bauplänen alter Kirchen wird greifbar, was vor Jahrhunderten an Stilelementen und Glaubensströmungen den Bau der Gotteshäuser in der Region prägte. Architekt Bernd Treide, der derzeit an der Sanierung der Stadtkirche entscheidenden Anteil hat, liest in jenen Plänen wie in einem Buch. Manchmal entdeckt er dabei auch kleine Rätsel. So manches werden wir in unserer neuen Serie „Juwelen der Stadtkirche“ lüften.

Allerdings, so spannend und romantisch ist’s nicht immer. Von der Gestaltungsmacht mittelalterlicher Kirchenbauer ist Treide heute weit entfernt. „Zu 90 Prozent besteht meine Arbeit aus Verwaltungskram.“ Dafür sorgt zweierlei: das Denkmalamt und die Kirchengemeinden, die heutzutage ein gewichtiges Wort mitzureden haben. „Mein Auftrag ist es, viele Interessen zu kanalisieren“, berichtet Bernd Treide. „Man kann natürlich nicht jeder Idee Raum geben, auch wenn es gut ist, wenn viel abgesprochen wird.“

Sein Ziel ist es bei vergleichbaren Projekten stets, einen Kirchenraum zu schaffen, der in sich stimmig ist, der auch mit der Historie im Reinen ist. „Ich fühle mich ein Stück weit dem Gebäude verpflichtet.“ Das beinhaltet, dass die Liturgie im Mittelpunkt bleibt. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit dem kirchlichen Gremium für den Architekten extrem wichtig. Er liefert nur die Räume und ihre Gestaltung. Mit Sinn und Leben muss sie die Kirchengemeinde füllen. „Drum muss es eine Kirche werden, die den heutigen Bedürfnissen angepasst ist.“ Dennoch: Einen Multifunktionsraum will Treide nicht schaffen. Eine Projektionsleinwand, die aus dem mittleren Kapellenbogen herabgelassen wird, passt nach seinem Verständnis ebenso wenig in das Gotteshaus wie die Errungenschaften der Veranstaltungstechnik. Die Gesamtharmonie muss erhalten bleiben, allzu viele profane Gegenstände haben in dem sakralen Raum keinen Platz, findet er. „Ich sehe die Sache aus der Historie, nach den Möglichkeiten des Raumes und des Materials“, erklärt der Architekt.

Kirche soll liturgischer Ort bleiben, kein Mehrzweckraum werden

Und selbst wenn Nischen wie die Seitenkapelle heute nicht mehr für einen festgelegten liturgischen Zweck benötigt werden, sollen sie mehr Wert bekommen, als es ihnen derzeit als Material- und Stuhllager vergönnt ist. Schließlich hatten sie einst mehr Bedeutung. Lediglich der Stauplatzmangel sowie die fehlende liturgische Verwendung hatten sie zu lieblosen Materialecken werden lassen. Solches will Treide bei der Umgestaltung der Kirche nicht noch einmal geschehen lassen. Orientiert an gemeinderelevanten Inhalten sollen die kleinen Ecken neue Bedeutung bekommen.

Inwiefern das Denkmalamt seit 1972 die gestalterischen Freiheiten des Architekten eingrenzt? Jegliche Entwürfe und Ideen müssen sich dem historisch Gewachsenen unterordnen. „Da konnten die Architekten in den 60er Jahren noch ganz anders agieren.“ Da wurden mal eben historische Elemente herausgerissen und an anderer Stelle eingebaut. Emporen wurden entfernt, die Kanzel umgesetzt. In anderen Kirchen wurden die alten Bänke herausgebaut und neue eingesetzt, die keinen Mittelgang hatten – vielleicht um in den 60er Jahren den Gedanken der Basisdemokratie auch in der Bestuhlung umzusetzen. Wände wurden in bunten Farben bemalt, Fenster verschlossen. Der Geschmack der Zeitalter fand bei den jeweiligen Umbauten seinen Niederschlag. Architekt Heinrich Dolmetsch beispielsweise, der die Umbauarbeiten zwischen 1902 bis 1910 geleitet hatte, ging nahezu verschwenderisch mit der Dekoration um, 1960 wurde sie wieder entschlackt.

„An ein solches Vorgehen ist heute in keinster Weise mehr zu denken. Nicht mal ein zusätzliches Türchen dürfte man heute einbauen.“ Selbst in Sachen Farbgebung hat das Denkmalamt so einige Worte mitzureden.

Was außerdem so manche Idee ausbremst, ist die Gebäudesicherheit. Ein Beispiel: Der Stadtkirche fehlt dringend Lagerraum, um Stühle, Bänke, Tische und vielerlei mehr zu beherbergen. Die Lösung könnte denkbar einfach sein, gibt es doch unter dem Dach der Kirche eine riesige Bühne, die nur darauf wartet, genutzt zu werden. Einstmals diente sie als Kornspeicher, heute steht sie leer. Nur ein paar tote Tauben liegen noch in dem Raum, der die Größe einer Konzerthalle hat. Das Problem: Damit es eine Genehmigung zur Nutzung des Raumes gibt, müssten diverse Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. „Eine ganze Bühnentechnik wie im Staatstheater müsste eingebaut werden, damit die Sicherheitsbestimmungen umgesetzt werden.“ Das aber kostet zu viel Geld. Und so bleibt der Raum oberhalb des Kirchenschiffes einfach leer.

Warum er sich bei all den Schwierigkeiten auch für die architektonische Begleitung von Sakralbauten entschieden hat? Zum einen habe es sich durch die Tradition des Büros ergeben, das er erst zusammen mit einem Kollegen übernommen hatte, um es inzwischen alleine zu führen. „Aber mich reizt auch die Herausforderung.“ Und die ist oft ein Spagat zwischen Historie und modernen Ansprüchen.

© Schorndorfer Nachrichten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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