Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

1000 Jahre Geschichte an der Decke

ZVW, 2014-01-11:
27 Figuren der Wurzel Jesse in der Stadtkirche bieten einen umfassenden Einblick in die Bibelgeschichte

Schorndorf. Nur wenige wissen, welch ein kunsthistorischer Schatz sich in der frisch renovierten Stadtkirche verbirgt. Die Decke der Marienkapelle schmückt ein Stammbaum von Jesus – die Wurzel Jesse. Waldemar Junt, Dekan i. R. , erklärt das Schorndorfer Kunstwerk, das in seiner Form weltweit einzigartig ist.

„Eine so schöne Kirchendecke haben wir nur bei uns in Schorndorf“, sagt Junt. Über 30 Interessierte hören ihm zu. Die Schorndorfer Wurzel Jesse, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Damals, im Jahr 1501, wurde die Marienkapelle der Stadtkirche einverleibt. „Vorher stand die Kapelle am Unteren Tor und war eine Wallfahrtsstätte für Pilger auf dem Weg nach Rom“, erklärt Junt. „Die Pilgerströme nahmen aber immer mehr ab, und so hat man sich für die Verlegung entschieden.“ Die Marienkapelle, die nun Teil der Stadtkirche wurde, sollte nach Wunsch des damaligen Bauherrn Albrecht Grunbach und des Baumeisters Jakob von Urach schöner werden. So hat Urach seinen Kollegen Anton Pilgram, der später einmal den Wiener Stephansdom bauen sollte, damit beauftragt die Decke der Kapelle mit einer besonderen Kunst zu schmücken. Bis 1506 dauerte es dann, bis die Schorndorfer Wurzel Jesse fertiggestellt war. Doch schon bald nach ihrer Entstehung wurde aus der Marienkapelle die Sakristei. Die Decke wurde abgehängt. „Das Kunstwerk geriet in Vergessenheit und wurde deshalb nach der Reformation, die in Schorndorf im Jahr 1537 stattfand, von den Bilderstürmern nicht zerstört“, sagt Junt und strahlt mit einem Laserpointer an die Decke.

Figuren zeichnen Jesus Abstammung und Geschichte Israels nach

„Die Wurzel Jesse zeichnet die Abstammung von Jesus und seiner Vorfahren nach“, so Junt. Der Lebensbaum besteht dabei aus 27 bemalten Gipsfiguren, die wie durch ein Spinnennetz miteinander verbunden sind. Jede davon ist etwa 60 Zentimeter groß. Die Anordnung der Figuren folge allerdings nicht biologisch-historischen, sondern heilsgeschichtlichen Gesichtspunkten, sagt Junt.

Auch wollte der Künstler den Stammbaum von Jesus nicht schönen. „Es finden sich zum Beispiel König Joram darunter, der seine acht Brüder aus Eifersucht umbringen ließ und viele andere Könige Israels, von denen es hieß, dass sie die Götter der Urbevölkerung in Palästina verehrt haben sollen.“

Das Kunstwerk beginnt mit Jesse (Isai), dem Vater von David, dem späteren König von Juda und Israel und endet mit der Darstellung der Jungfrau Maria mit dem kleinen Jesus im Arm. Maria ist dabei die einzige Frau im Stammbaum. „Das Werk stammt ja aus dem Mittelalter, da ist das nicht verwunderlich, da hatten die Männer die Macht“, sagt Junt.

Anhand der Figuren des Stammbaums lässt sich die über 1000-jährige Geschichte Israels nachvollziehen. „Man kann erkennen, wie das ehemals große Imperium König Davids und seines Sohnes Salomo unter dem Druck der Babylonier nach und nach unterging und dann nach der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil 539 v. Chr. sich wieder etablierte.“

Das Interessante ist auch, dass sich sowohl Grunbach, der damalige Bauherr der Stadtkirche, als auch der Baumeister von Urach, in der Wurzel Jesse verewigt haben. „Albrecht Grunbach ist als König Salomo dargestellt, der den ersten Tempel in Jerusalem gebaut hat und Jakob von Urach als Serubbabel, der nach dem 60-jährigen Exil der Juden, den zweiten Tempel baute“, sagt Junt.

Damit aber keiner danach einen steifen Nacken vom vielen Nach-oben-Schauen bekommt, erklärt der Dekan i. R. die 27 Figuren in einem Diavortrag.

Den Zuhörern hat der Vortrag merklich gefallen: „So intensiv habe ich mich mit der Bibelgeschichte bisher noch nicht beschäftigt“, sagt Wolfgang Berger. „Es war sehr interessant. Man weiß jetzt viel mehr“, ergänzt Irmgard Muuss.

Info

Waldemar Junt ist bereit, seine kostenlosen Führungen für Gruppen regelmäßig anzubieten. Bei Interesse bitte melden bei der Volkshochschule Schorndorf

 

 © Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

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