Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

Von der Holzkirche zur Schorndorfer Stadtkirche

ZVW, 2013-02-25
Mauerreste der Vorgängerkirche sind für Michael Dörner Anlass, an die frühe katholische Kirchengeschichte zu erinnern

Schorndorf. Für einen wie den katholischen Grunbacher Hobby-Historiker Michael Dörner, für den Kirchengeschichte im Remstal nicht erst mit der Reformation beginnt, ist der Fund von Mauerresten einer früheren Kirche unterhalb der Stadtkirche „keine Überraschung, sondern das Naheliegendste der Welt“. Und auch die Ausmaße der Vorgängerkirche überraschen Dörner nicht.

Wer’s wissen wollte, sagt Michael Dörner, hat schon immer wissen können, dass seit dem 6. oder 7. Jahrhundert an dem Platz, an dem im Jahr 1477 mit dem im Wesentlichen durch zwei Ablässe finanzierten Bau der zunächst noch katholischen spätgotischen Stadtkirche begonnen wurde, mindestens drei Vorgängerkirchen standen: eine relativ kurzlebige Holzkirche, eine etwa 200 Jahre später, also im 9. Jahrhundert erbaute größere Kirche, die immerhin schon einen steinernen Sockel hatte und die um 1200 zu einer stattlichen, etwa 25x15 Meter großen Wehrkirche im staufischen Stil ausgebaut wurde, die bis 1477 Bestand hatte. All das hat nicht Dörner selber erforscht, sondern der Schorndorfer Heimatforscher Reinhold Zeyher, auf dessen Studien die Skizzen basieren, die der gelernte und mit einem „gewissen Konstruktionsgefühl“ sowie mit einigem an „Wissen über die Gewohnheiten der damaligen Zeit“ ausgestattete Michael Dörner gefertigt hat. Ohne den Anspruch auf absolute historische Wahrheit. Aber, sagt er: „Es ist besser, man macht sich ein Bild, als man hat gar keine Ahnung.“

Ein Kloster in Südhessen

Wer die Schorndorfer Kirchengeschichte nicht erst mit der Zeit der Reformation beginnen lassen, sondern sie insgesamt verstehen und auch zeitlich richtig einordnen will, der sollte, meint Michael Dörner, einerseits etwas über die Beziehung von Krongütern und Reichshöfen zu Zeiten der fränkischen Könige (5. bis 9. Jahrhundert) und andererseits etwas über die Bedeutung von kirchlichen Patrozinien wissen. In Schorndorf siedelt Dörner das Krongut im Bereich der Kirche und den Reichshof östlich des heutigen Marktplatzes an, wobei lediglich die im direkten Besitz der jeweiligen Monarchen befindlichen und von Amtmännern verwalteten Krongüter schenkungs- beziehungsweise stiftungsfähig waren. Und so kam’s, ist Dörner auch unter Berufung auf den 1976 verstorbenen Tübinger Professor und Volkskundler Hans Jänichen überzeugt, dass das Kloster Lorsch – im heutigen Südhessen gelegen und nicht mit dem Kloster Lorch zu verwechseln – zu Einfluss und Besitz auch im Remstal und in Schorndorf kam und dass das Patrozinium für die Schorndorfer Kirche nach Lorsch gestiftet wurde. Mit der Folge, dass die Lorscher Patronatsheiligen Bisilides, Quirinus, Nazarius, Nabor, Celsius und Felix auch in Schorndorf zu Ehren kamen und in der Kirche jeweils mit einem eigenen Altar gewürdigt wurden.

Passiert sein muss das irgendwann im Zeitraum zwischen der Gründung der Lorscher Abtei im Jahre 764 und dem Jahre 876, weil nach dem Tode des im Kloster Lorsch begrabenen Karolingerkönigs Ludwigs des Deutschen beziehungsweise des Frommen keine Schenkungen mehr nach Lorsch, sondern alle nach St. Denis in Paris, der Grablege vieler fränkischen und später französischen Könige, gingen. Was, so Dörner, das Aufkommen zahlreicher St.-Dionysius-Patronate erklärt. So sei zum Beispiel auch die ursprünglich St. Veranus und nach dem Neubau St. Vincentius geweihte Grunbacher Kirche „mit dem Nebenpatron Dionysius verschönert“ worden.

Was Schorndorf aus Sicht von Dörner nicht nötig hatte. „Schorndorf hatte ein so prominentes Patrozinium, prominenter ging’s gar nicht“, sagt er und glaubt aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit der Kirchengeschichte zwischen Schwäbisch Gmünd und Cannstatt zu wissen, dass sich die Gmünder „darum reißen“ würden, ein Lorscher Patrozinium nachweisen zu können. Wobei Dörner davon ausgeht, dass es in Schorndorf vor der Lorscher Einflussnahme auch schon ein Patrozinium gab, das dann aber zugunsten des prominenteren erloschen ist. Möglicherweise auch dem Glauben geschuldet: „Je mehr Heilige, desto prominenter die Ehre, die man Gott erweisen konnte.“ Denn eigentlich, so Dörner, war ein Patrozinium bis zur Reformation „auf ewig unauslöschlich“. „Eher“, zitiert der Hobby-Historiker einen überlieferten Grundsatz, „kann eine Mutter den Namen ihres Kindes vergessen als eine aktive Kirche den Namen ihres Patrons.“ Und so ein Patrozinium, ist Michael Dörner überzeugt, ist deshalb genauso viel wert wie eine auf Papier festgehaltene Urkunde.

Übrigens: Dass in verschiedenen Veröffentlichungen und auch im Internet immer wieder die Rede davon ist, dass Schorndorf bis ins 13. Jahrhundert eine Filiale der Winterbacher Muttergemeinde gewesen und erst 1275 eine selbstständige Pfarrei geworden sein soll, kann Michael Dörner nicht nachvollziehen. Winterbach, zu Zeiten der fränkischen Könige übrigens Reichshof neben dem Krongut Weiler, sei im Gegensatz zu Schorndorf und auch zu Grunbach niemals Dekanatssitz gewesen, sagt Dörner, der sich allenfalls vorstellen kann, dass Winterbach vorübergehend einen höheren Rang eingenommen hat, weil es in Schorndorf – möglicherweise aus Gründen eines Brandes – zeitweilig keine Kirche gab.

 

 © Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

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