Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-07-04
Die Gestaltung der kirchlichen Räume gibt auch Aufschluss über Haltungen im Glauben




Schorndorf. So manche Ecke in der Schorndorfer Stadtkirche birgt mehr Geschichten, als man denkt. Die Form des Kirchenschiffs gibt Auskunft über die Bedeutung der Predigt, der riesige Dachboden verrät, welche Funktion die Kirche einst auch noch hatte. Und die Ausrichtung des Gesamtgebäudes verrät Grundlegendes über die Hoffnung der Christen. Auf geht’s auf eine Tour durchs markanteste Gebäude der Stadt.

Ein Kirchenraum wie ein Schuhkarton – so nehmen viele Besucher das Schiff der Schorndorfer Stadtkirche wahr, weiß Architekt Bernd Treide. Aber klar, besonders wer sich dem Gotteshaus von Osten nähert und von den gotischen Fensterausschnitten begrüßt wird, vermutet etwas vergleichbar Erhebendes im Inneren der Kirche. Und dann so etwas: keine dreischiffige Basilika, ein einfacher Kasten als Kirchenraum, nur der ausgeschmückte Chorraum stillt die Erwartungen. Eine hölzerne Kassettendecke mit zweifarbiger Umrandung der einzelnen Kassettenteile tut ihr Übriges. Recht prosaisch zeigt sich das Dach der Kirche. Keine Schnörkel, keine Fresken, keine Putten. Nur ein paar Wasserspeier an der Fassade.

Das Wort im Zentrum des Gottesdienstes

„Da sieht man ganz klar das Erbe der Reformation“, erklärt der Fachmann. „Es handelt sich um eine Predigtkirche.“ Das Wort zählte und das alleine. Das wurde noch einmal in der zwischenzeitlichen Umsetzung der Kanzel in die Mitte des Schiffes betont. Das Wort im Zentrum, keine Ablenkung drum herum. Wo zeitgleich in katholischen Gottesdiensten noch lateinisch gesprochen wurde und die Fresken an den Wänden zur beinahe einzigen, verständlichen Erklärung der biblischen Inhalte gereichten, waren die Schorndorfer Protestanten ganz auf die Predigt ausgerichtet.

„Aber Moment mal!“, könnten da Kenner der Stadtkirche anmerken: „Da gibt’s doch noch die Marienkapelle.“ Und sie haben recht mit ihrem Einwand. Mit der Kapelle hat die Stadtkirche ein reichlich opulentes Eck. Allerdings war das Gewölbe mit einer ausführlichen Darstellung des Stammbaumes Jesu die wenigste Zeit überhaupt zu sehen. Beinahe 500 Jahre lang war nicht nur die Decke abgedeckt, die komplette Kapelle, in der heute der Taufstein steht, war abgetrennt, gehörte nicht mehr zum Kirchenraum. Erst bei den Sanierungsarbeiten 1958 wurde der Raum wieder zugänglich und nutzbar gemacht.

Ebenso prosaisch wie unter der Decke geht’s auch über ihr weiter. Wer die Treppen, die auch als Leitern durchgehen könnten, hinaufklettert, wird belohnt mit einem erstaunlichen Gefühl der Leere. Immerhin – über den kompletten Kirchenraum hinweg gibt’s einen enormen Speicher. Zwei Aufzüge ermöglichten es früher, durch aufklappbare Kassettendecken hindurch Korn auf den Dachboden der Kirche zu transportieren. Tatsächlich sind diese beiden Kassetten bei einem genauen Blick aus dem Kirchenschiff an die Decke zu erkennen, sie liegen nicht ganz so eben da wie der Rest.

Über zwei Stockwerke zieht sich dieser riesige Dachboden hin. Eine perfekte Gelegenheit, um nicht mehr benötigte Gegenstände zu lagern. Eigentlich. Dass das den leitenden Verantwortlichen der Sanierung von 1958 nicht in den Sinn gekommen ist, ärgert heute nicht nur den Architekten. Wie gut hätten dort die ausrangierten Kerzenleuchter, Bilder und vieles mehr zwischengelagert werden können. Aber nein. Die Aufräumwut hatte die Kirchenbauer damals übermannt, womöglich landeten die wertvollen Kerzenständer und Leuchter beim Schrotthändler. Immerhin gab’s kein Denkmalschutzgesetz, das sie hätte bremsen können.

Wer sich auf dem leeren Dachboden umsieht, kann aber dennoch einige Spuren entdecken. Zum Beispiel sind in der seitlichen Steinmauer geziegelte Schrägen zu erkennen. Architekt Treide vermutet, dass es sich dabei um die Hilfsdächer handeln muss, die einst nach dem großen Stadtbrand angefertigt worden waren. Schließlich war die Kirche schnell wieder in Benutzung. Allerdings scheint es kleinere Dächer vor dem großen Satteldach von heute gegeben zu haben.

Dass der enorme Dachstuhl überhaupt in dieser Weise entstehen konnte und bis heute besteht, ist den baumeisterlichen Fähigkeiten von damals zu verdanken. Immerhin musste die enorme Fläche über der Kirche überspannt werden. Die Bauer arbeiteten solide. So solide, dass das Konstrukt bis heute hält und Bernd Treide voll Vertrauen auf den inzwischen teilweise verzogenen Holzbrettern umhergeht. Auch wenn sie nicht mehr in der Form wie einst sind – solange sie trocken bleiben, sind sie tragfähig.

Allerdings: Den Bestimmungen des TÜVs entspricht das Konstrukt natürlich in keinster Weise. Also ist’s ohne eine Mammut-Investition gar nicht möglich, den vielen Raum auch heute als Lagermöglichkeit zu nutzen. Schwebende Lasten über Köpfen seien so ziemlich das Schlimmste, was man planen könne, weiß der Fachmann. Schließlich gibt’s enorme Auflagen, die vor eventuellen Unfällen schützen sollen. Und um die zu erfüllen, müssten etliche Gelder fließen. Aber selbst dann sind solche Ideen kaum umsetzbar. „Man müsste eine so komplizierte Hebetechnik einbauen, wie man es sonst nur in Schauspielhäusern sieht.“ Um die zu bedienen, braucht es aber ausgebildetes Bühnenpersonal. Das kann eine Mesnerin alleine nicht leisten. Also wird der Lagerraum unter dem Kirchendach immer Utopie bleiben, genauso wie die Vorstellung einmal einen besonderen Gottesdienst in jenen luftigen Höhen abzuhalten.

© Schorndorfer Nachrichten

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