Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-06-20
Serie „Juwelen der Stadtkirche“: Geschichte des Gotteshauses ist an der Fassade ablesbar

 

 

Schorndorf. Kaum zu glauben – aber wer die Stadtkirche von außen betrachtet, kann richtig viel über ihre Struktur und über die Zeiten, in denen an ihr gebaut wurde, lernen. Da lassen sich Geschichten von edlen Spenderinnen und gotische Konstruktionselemente ablesen, alte Sanierungsfehler werden aufgedeckt. Und so manche Maßnahme erscheint im Licht moderner Denkmalpflege als wahrer Frevel.

Wer auf den dunklen Holzbänken im Kirchenschiff sitzt, guckt nicht nur zum Altar, er guckt in Richtung Osten. Damit ist klar: Die Schorndorfer Kirche hält sich an die Traditionen frühchristlicher und mittelalterlicher Gotteshäuser: Sie ist geostet. Warum das so ist? Da der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung galt, wurden die Längsachsen der Kirchen meist danach ausgerichtet. Der Chor mit dem Altar ist also in der Regel im Osten, der Haupteingang entweder im Westen (wie in Schorndorf) oder im Norden bzw. Süden. Mit Blickrichtung gen Osten wurden übrigens einst auch die Toten begraben, weil nach christlicher Auffassung am Jüngsten Tag die Wiederkunft Jesu Christi aus dieser Richtung erwartet wird.

Alte Sanierungen haben Schaden angerichtet

Wer die Westfassade einmal eingehender betrachtet, entdeckt kleine rundliche Einbuchtungen in den Steinen. Dabei handelt es sich nicht um Einschusslöcher oder Ähnliches. Vielmehr sind es Zangenlöcher, die vom Bau der Fassade herrühren. Dass sie an der Westfassade zu sehen sind, ist den Renovierungsarbeiten, die bereits am dortigen Portal durchgeführt worden sind, zu verdanken. Bei den Sanierungsarbeiten, die in den 1960er Jahren durchgeführt worden sind, wurden sie nämlich einfach mit Beton zugeschmiert, um der Fassade ein ebenmäßiges Äußeres zu geben. Was gut gemeint war, war alles andere als gut gemacht. Denn damit wurde das Mauerwerk gefährdet. „Der Beton macht den Sandstein kaputt“, erklärt Architekt Bernd Treide. Der Werkstoff ist erheblich härter als der umliegende Stein und lässt keine Flüssigkeit durchdringen. Allerdings gerät auf anderen Wegen durchaus Feuchtigkeit in den Stein, die als Dampf wieder entweichen will und dabei den Betonansatz angreift. „Am Ende sieht das Ganze wie Karies aus“, weiß der Fachmann. Der Stein um die Betonplombe herum würde regelrecht weggefressen werden.

Und wer noch genauer hinschaut, entdeckt auf den Steinen kleine Kritzeleien. Chinesischen Schriftzeichen sehen sie ähnlich. „Das sind Handwerkersignaturen“, berichtet Treide. Auf diese Weise machten die Kirchenbauer damals klar, welche Steine sie bearbeitet und für welche Arbeit sie Lohn verdient hatten. Viele der Signaturen wurden in Handwerkerrollen weitergegeben. Ganze wissenschaftliche Abhandlungen beschäftigen sich allein mit jenen wiederkehrenden Zeichen.

So manche Arbeiten beliebter Baumeister können ihretwegen über Jahrzehnte und Regionen hinweg verfolgt werden. Und noch etwas ist zu erkennen. Der Name einer gewissen Elisabeth Schrinerin ist unterhalb der Jahreszahl 1477 zu finden. Die Dame war aber keine emanzipierte Handwerkerin, sondern eine edle Spenderin, die noch im selben Jahr verstarb. Und: So manch anderes Zeichen ist in Hüfthöhe in dem weichen Sandstein auch noch zu entdecken.

„Diese Gravuren sind aber eher neuzeitlicher Herkunft“, schätzt der Architekt und vermutet darin Kritzeleien Jugendlicher. „Der Stein ist weich, schließlich besteht er aus gepresstem Sand.“ Mit der Scherbe einer zerschlagenen Bierflasche könne man mit Ausdauer einiges anrichten. Und obwohl man seit jeher wusste, dass andere Steine widerstandsfähiger sind, entschieden sich die Kirchenbauer in Schorndorf für den hellen, warm wirkenden Stein.

Dafür, dass die Mauern die enormen Lasten tragen können, sind außer der gotischen Konstruktionsweise übrigens die sogenannten Schlaudern verantwortlich. Sie dienen als Klemmen zwischen äußerer und innerer Mauerwand, sind in der Mitte durch eine Stahlverbindung befestigt. Damit der recht weiche Stein dies aushält, erhielten sie eine S-Form. So wurde jene Fläche vergrößert, die die Spannung tragen muss. Im Inneren des Kirchenraumes sind die Klammern unter dem Putz nicht zu entdecken. Doch an der Südfassade (Richtung Stadtmuseum) und im Dachstuhl sind sie noch zu sehen. An der Nordfassade fangen Strebenpfeiler das Gewicht auf.

Es sind die Errungenschaften der Gotik, die es ermöglichten, solch eine Kirche über 500 Jahre hinweg zu bauen und zu erweitern. Schließlich sind’s seither mathematische und physikalische Gesetze, die dem Bau zugrunde liegen, die verständlich machen, woher und in welche Richtung die Kräfte in dem Gebäude streben. Auf diese Grundlagen konnte man sich auch Hunderte Jahre später noch unabhängig von Ausdruck und Zierrat verlassen.

Welche Leichtigkeit die Gotik den Kirchenbauern verschafft hat, zeigt auch ein Blick ans Ostende der Kirche. Dank der Spitzbogenkonstruktion waren nun endlich mehr und größere Fenster möglich, als dies in der Romanik je denkbar gewesen wäre. Schließlich können solche Bögen erheblich mehr Lasten tragen als andere. Die Räume konnten höher gestaltet werden, die Kirchen an sich wirkten weniger gedrungen. Das nun reichlich vorhandene Licht hebt den Raum empor, lässt das Göttliche, das Sakrale erahnen, der Raum wirkt luftiger.

Ein ungelöstes Geheimnis birgt das Brautportal an der Südfassade. Links der Tür sind tiefe Einkerbungen zu entdecken. „So etwas kann eigentlich nur entstehen, wenn man immer wieder mit einem festen Gegenstand daran entlangfährt“, vermutet der Architekt. Vielleicht hat man einst mit dem Ring beim Eintreten eine Spur hinterlassen, vielleicht wurden bei Hochzeiten spezielle Traditionen ausgeführt. „Oder es ist ganz profan“: Vielleicht hinterließ einst eine dort befestigte Kette die Spuren. Vielleicht ist eine simple Absperrung, von der heute keiner mehr etwas weiß, schuld. Wie auch immer, klar ist: Wer sich Zeit nimmt, vor der Kirche den Kopf in den Nacken legt und einfach guckt, kann echte Geschichten von der Wand ablesen.

© Schorndorfer Nachrichten

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