Visuelle Eindrücke von der Stadtkirche in Schorndorf

Presseartikel

ZVW, 2012-07-25
Serie „Juwelen der Stadtkirche“: Die 20 Türen in der Kirche stammen vor allem aus der Umbauphase zwischen 1902 und 1910 

 

 

 

 

Schorndorf. Sie sind brachial beschlagen oder reich verziert. Sie schwingen unterm flachen Korbbogen oder schließen feuerfest. In der Stadtkirche gibt es mehr als 20 Türen. Die meisten stammen aus den beiden großen Umbauphasen Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts. Und eines wird schon beim Drücken der Klinken klar: In diesem Potpourri gleicht keine Tür der anderen.  

Klinke runter, Türe zu: Nur wenige Stunden außerhalb der Gottesdienstzeiten ist die Stadtkirche unter der Woche für Besucher geöffnet. Ansonsten braucht’s einen Schlüssel. Oder besser: einen ganzen Schlüsselbund. Den hat zum Beispiel Bernd Treide, der die für Herbst geplante Sanierung der Stadtkirche als Architekt betreut. Auf fast 20 Türen kommt er im Schnelldurchlauf – im Kirchenraum, in der Sakristei, im Glockenturm und im Keller. Jede ist anders, doch fast alle stammen aus den Umbauphasen Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts.  

An den Türen lassen sich Zeitströmungen und Moden früherer Zeiten bestens ablesen. Solche Spuren wird die aktuelle Sanierung nicht hinterlassen: Heute versucht man, einen historisch stimmigen Kirchenraum zu schaffen und die verschiedenen Stile „wieder auf eine Spur zu bringen“, formuliert Bernd Treide. Soll heißen: Die Türen kommen zum Schreiner und werden dort – in Einklang mit dem Denkmalamt – sensibel restauriert.  

Korbbogen: Im Jugendstil beliebt, aber statisch unwirksam  

Ganz anders in den Umbaujahren von 1902 bis 1910, unter Architekt Heinrich Dolmetsch: Die Tür unter dem Jedermann-Fenster auf der Nordseite der Stadtkirche zum Beispiel, das Ada Isensee 2006 im Auftrag der Evangelischen Spielgruppe geschaffen hat, ist Jugendstil-Historismus in Reinkultur. Im Gegensatz zum gotischen Spitzbogen trägt der flache Korbbogen „keine Last des Gewölbes“, sagt Treide.  

Einen solchen Bogen gab es nach dem Umbau zu Jugendstil-Zeiten auch zum Chor hin. „Das funktionierte aber nur mit einem gewaltigen Stahlträger obendrüber“, weiß Treide und kann heute auf den statisch wirksamen Spitzbogen verweisen, der seit 1958 den Blick zum Altarraum freigibt. Doch es gibt noch einen Korbbogen: Nummer drei befindet sich – am Ende des schönen Zwillingstreppenhauses – am Zugang zur Empore auf der Südseite. Ebenfalls 1906 eingebaut, entspricht die graue Flügeltür zwar dem Geschmack der damaligen Zeit, aber keineswegs heutigen Sicherheitsbedürfnissen. Schließlich könnte man sich zwischen den Türflügeln die Finger einklemmen oder sich schneiden, falls das Glas splittert. Jetzt kommt zumindest Sicherheitsglas in die Türen, die nachträglich angeschraubten Querstreben können also wieder entfernt werden.

An der Funktion der Türen ändert sich nichts.   Auch die 106 Jahre alten Obentürschließer der Firma BKS, die die Außentüren noch immer zuverlässig mit großem Antrieb zuschnappen lassen, sollen erhalten bleiben. „So was darf man nicht durch schicken Edelstahl ersetzen“, findet Architekt Treide und muss beim Umbau doch immer wieder historische und moderne Ansprüche in Einklang bringen. So ist der Haupteingang am Westportal mit den Stufen und dem Mittelteil alles andere als behindertengerecht. Gleichzeitig hat das Denkmalamt schon Einspruch erhoben: Die historischen Türen dürfen nicht einfach verbreitert werden. Einfacher ist ein anderes Problem zu lösen: Mit Türbürsten will die Kirchengemeinde künftig im Winter die warme Luft im Kirchengebäude halten und die kalte Luft draußen lassen.   Ein wahres Juwel der Stadtkirche ist auch die Spitzbogentür, die vom Kirchplatz in den Chor führt – mit dem aufwendigen Schnitzwerk und geschwungenem Griff als Alleinstellungsmerkmal. Und natürlich das hellgrüne Türchen mit den Herzöffnungen, das einst die Treppe zur Kanzel abgeschlossen hat. Wie die Kanzel, die aus dem Jahr 1660 stammt, hat es im Lauf der Jahrhunderte seinen Platz immer wieder gewechselt. Doch nicht synchron zur Kanzel: Das Schmuckstück führt ein Schattendasein und trennt im Moment den provisorischen Lagerraum an der Nordseite des Kirchenschiffs ab. Ein Frevel, den Bernd Treide in seinem Umbau wieder in Ordnung bringen will.  

Brandschutz: Im Keller ist alles in bester Ordnung  

In bester Ordnung sozusagen ist die Türwelt dafür schon im Untergeschoss der Kirche: Die schlicht-weißen F90-Stahltüren entsprechen den Brandschutzbestimmungen und halten Flammen 90 Minuten lang stand. Gemeinsam mit der neuen Heizung kamen sie im vergangenen Jahr ins Untergeschoss. Dort gibt es sogar noch eine Stahltür: Allerdings stammt die aus der Umbauphase von 1902 bis 1910 und hat mit Brandschutz nichts zu tun. Mit der eigentlichen Funktion einer Tür eigentlich auch nicht: Sie führt ins Leere, oder besser zu einem Betondeckel, der beim Umbau 1958 eingezogen wurde.

© Schorndorfer Nachrichten

 

 

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